Dr. Sporbeck deutsch

„Es gibt nur eins: Schönheit, Schönheit überall.“
Die Malerei des Pascal Scherwitz

Dieses Zitat aus dem Gedicht ‚Schöne Jugend‘ des Arzt-Dichters Gottfried Benn (1886 – 1956), der die Körperlichkeit des Menschen mit analytischer Schärfe und poetischer Radikalität betrachtete, hebt die zentrale Idee der Schönheit als existentielle Konstante hervor. In den Werken des Malers und Chirurgen Pascal Scherwitz erscheint diese Schönheit nicht als oberflächliche Ästhetik, sondern als vielschichtige Erfahrung zwischen Körper, Geist und künstlerischer Transformation. Seine Werke zeigen die Schönheit des menschlichen Körpers in Bewegung, in Auflösung, in Schwebe, in brüchiger Verletzlichkeit und Angenommensein. Die Schönheit ist kein statisches Ideal, sondern Ausdruck einer tiefen, universellen Wahrheit. Die Verbindung von medizinischem Wissen und künstlerischer Reflexion macht seine Werke zu einem einzigartigen Dialog zwischen Wissenschaft und Malerei.

Das Verhältnis von antiker Ästethik und menschlicher Körperlichkeit bildet einen Kern von Pascal Scherwitz Malerei. Seine Werke nehmen die klassische Idealvorstellung des Körpers auf – kraftvoll, harmonisch, in vollendeter Proportion – und transformieren sie in eine abstrahierte, zeitgenössische Bildsprache. Doch anders als in der statischen und statuarischen Vollkommenheit antiker Skulpturen bleiben seine Körper in Bewegung, entrückt, schwebend. Sie entziehen sich der Schwere der Realität und gewinnen eine fast transzendente Qualität. Dieses Schwebende verweist auf eine tiefergehende Auseinandersetzung mit menschlichem Erleben und Spiritualität. Der Mensch ist hier nicht nur Fleisch, sondern eine fragile, verletzliche Existenz zwischen den Polen von Sein und Vergehen, von Ideal und Auflösung. In dieser Ambivalenz liegt ein utopisches Moment: Der Körper wird nicht als bloßes biologisches Faktum betrachtet, sondern als ein Medium, das über sich hinausweist – eine Projektionsfläche für das Streben nach Erkenntnis, Transzendenz, Vollkommenheit.

Technisch verbindet Scherwitz altmeitsterliche Malmethoden mit modernen Bildkonzepten. Die physischen Gesten des Malens sind in seinen Werken spürbar: breite, expressive Pinselstriche neben zeichnerisch fein nuancierten Konturen. Das Farbspektrum besticht durch das Nebeneinander von Grisaille-ähnlichen, monochromen Partien und leuchtend farbigen Akzenten. Die durchdachte Modellierung der Körper, die feinen Valeurs zeugen von einem besonderen Studium der alten Meister. Doch sein Zugang ist kein konservativer. Vielmehr integriert er die formalen Brüche des Surrealismus und kubistischer Elemente, um die klassische Körperlichkeit neu zu verhandeln. Die Zergliederung der Körper und das Nebeneinander scheinbar unvereinbarer Perspektiven lösen die Figuren aus dem rein Naturalistischen und verleihen ihnen eine neue, traumartige Dimension. Dieser Gestus im Rückgriff auf die Malerei der 1920er Jahre ist charakterisiert durch eine bewußt intendierte, auf den Expressionismus zurückweisende Tendenz zur Abstrahierung, die sich besonders in den flächigeren Partien bemerkbar macht.

Der Künstler selbst beschreibt den kreativen Prozess als einen dynamischen Akt, in dem der gestische, kraftvolle Farbauftrag auf Leinwand oder Holz eine zentrale Rolle spielt. Die Malerei entsteht nicht in einem linearen, vorgeplanten Ablauf, sondern in einem lebendigen Dialog. Ältere Bilder werden teilweise übermalt, vergangene Schichten bleiben als Erfahrungsebenen sichtbar, fließen in das neue Werk ein und verleihen ihm eine besondere Tiefe. Dieser Prozess erinnert an das Prinzip von Palimpsesten, in denen frühere Spuren nicht ausgelöscht, sondern integriert werden – eine Metapher für die fortlaufende Entwicklung von Kunst und Menschsein.

Scherwitz greift in seiner Malerei auch auf traditionsreiche Bildformate wie das Triptychon zurück. Diese dreiteilige Bildform, ursprünglich aus der sakralen Kunst des Mittelalters stammend, verleiht seinen Werken eine narrative und zugleich meditative Struktur. Das Triptychon bietet ihm die Möglichkeit, unterschiedliche Bildräume und Zeitebenen miteinander zu verschränken. Seine übermalten Schichten und durchscheinenden Farbspuren korrespondieren mit der Komposition in mehreren Tafeln, sodass der Betrachter die Werke nicht nur als singuläre Bilder, sondern als mehrdimensionale Erfahrungsräume wahrnimmt. Die Anordnung der Figuren auf diesen Tafeln verstärkt das Schwebende, Fragmentarische seiner Bildwelt: Körper scheinen sich von einem Panel zum nächsten zu bewegen, ihre Konturen lösen sich auf oder verdichten sich, als würde die Malerei einen inneren Entwicklungsprozess abbilden.

Gerade in dieser Spannung zwischen Tradition und Avantgarde, zwischen Formauflösung und Klarheit wird Scherwitz zum Utopisten. Er reiht sich ein in die Tradition jener Künstler, die uns neue Bildwelten eröffnen, die unseren Blick schärfen für Möglichkeiten jenseits des Sichtbaren. Seine Kunst ist eine Einladung zur Reflexion über den Menschen - über seine Körperlichkeit, seine Sehnsüchte, berührende Hoffnungen, seine metaphysische Suche.

 


Dr. Gudrun Sporbeck
Kunsthistorikerin